Du bist jetzt 19 Jahre alt und eine römische Braut. Herzlichen Glückwunsch. Wenn dieses Wort noch etwas bedeutet, ist es zu spät, um zu fliehen. Wir schreiben das Jahr 89 n. Chr., unter der Herrschaft von Kaiser Domitian. Du heißt Flavia, stammst aus einer angesehenen Familie, und heute Abend wird Rom dir zeigen, was Ehe wirklich bedeutet. Es geht nicht um den safranfarbenen Vorhang, die verstreuten Nüsse, das Singen und Lachen auf den Straßen, sondern um den anderen Teil, über den niemand schreiben will.
Du stehst barfuß auf kaltem Marmor; der Boden saugt die Wärme aus deiner Haut. Fackeln prasseln an den Wänden und zischen, während Rauch aufsteigt und Flecken an der Decke hinterlässt. Sieben Zeugen stehen hinter dir, regungslos und still wie gemeißelte Säulen. Sie sind nicht hier, um dich zu bewundern oder zu feiern; sie sind hier, um sicherzustellen, dass du genau das tust, was von einer römischen Ehefrau erwartet wird. Natürlich hat bisher niemand daran gedacht, die Details zu erklären.
Du näherst dich der Holzform, die in der Ecke des Raumes steht und mit einem schweren Tuch bedeckt ist. Deine Hände zittern so stark, dass du sie in deinen Ärmeln versteckst, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt. Alle bemerken es. Aber niemand bietet dir Hilfe an oder wendet den Blick ab. In deinem Kopf hallt die Stimme deiner Mutter wider, genau wie heute Morgen, als sie dir mit zitternden Fingern die Haare kämmte: „Leiste keinen Widerstand gegen das, was von dir verlangt wird. Leiste keinen Widerstand.“ Jetzt verstehst du, warum sie geweint hat.
Hier ist etwas, was Rom nie verschweigt: Eine Ehe ist keine Romanze, sondern ein Transfer. Dein Vater hat dich weggegeben, und dein Ehemann hat dich angenommen. Du bist Eigentum, der Vertrag ist eine Zeremonie, und dein Körper ist die Quittung. Willkommen im Erwachsenenleben nach römischer Art. Du denkst immer noch an den Lärm draußen, an die Männer, die obszöne Hochzeitslieder schreien und laut lachen, weil Rom glaubt, dass Lachen böse Geister vertreibt. Vielleicht ist das so, oder vielleicht ist es nur eine Ausrede für erwachsene Männer, um einer verängstigten jugendlichen Braut Befehle zuzurufen.
Marcus Petronius Rufus, dein neuer Ehemann, der fünfundzwanzig Jahre älter ist als du, hat dich heute Morgen über die Schwelle getragen. Es sollte eine zärtliche Geste sein, aber das war es nicht. Es war eine Erinnerung daran, dass Bräute in der Vergangenheit hineingezogen wurden, ob sie wollten oder nicht. Jetzt ist die Tür geschlossen, und die Stille drückt stärker als die Wände. Endlich kannst du den Raum deutlich sehen. Die Trauzeugin, eine ältere Frau, die jeden Moment dieses Abends kontrolliert, steht in der Nähe der Mitte. Neben ihr wartet der Priester. Drei Sklaven halten Schüsseln und gefaltete Tücher in den Händen. Auf einer Seite steht der Arzt, zu seinen Füßen liegt eine Ledertasche. In der Ecke wartet immer noch die mit Stoff umwickelte Holzfigur. Das sind viele Menschen für etwas, das eigentlich privat sein sollte.
Die Patin hält deine Hände fest. Ihr Griff ist fest, geschickt und unpersönlich, als würde sie ein Tier festhalten, das davonlaufen könnte. „Du bist jetzt im Haus deines Mannes“, sagt sie. Übersetzung: Jetzt gehörst du hierher. Sie führt dich vorwärts. Du spürst, wie die Zeugen auf deinen Rücken schauen. Rom liebt Zeugen und vertraut nichts, was nicht dokumentiert, unterschrieben und von einer ausreichenden Anzahl von Personen bestätigt ist, die schwören können, dass es so geschehen ist. Das Überleben hier unterliegt bestimmten Regeln; man lernt sie schnell oder man geht unter. Regel Nummer eins: Halte den Kopf unten und den Mund geschlossen.
Zieht den Vorhang zurück. Hier ist sie: eine Holzfigur, geschnitzt in einer Form, über die Rom selten offen spricht. Mutunus Tutunus, der Gott der Fruchtbarkeit, ein Gott, den Bräute begrüßen müssen, bevor ihre Ehemänner sich ihnen nähern dürfen. Die Form lässt keinen Raum für Zweifel. Ihr Zweck wird klar, als die Brautjungfer erklärt, was zu tun ist. Mutunus Tutunus war der römische Gott der Fruchtbarkeit und Initiation. Wir wissen, dass er existierte, weil antike Schriftsteller ihn kurz und immer mit offensichtlichem Unbehagen erwähnen. Jahrhunderte später schrieben christliche Autoren empört über dieses Ritual. Römische Bräute, so behaupteten sie, waren verpflichtet, in sitzender Position mit Beteiligung einer Statue ein Opfer darzubringen, was eine heilige Pflicht und ein notwendiger Schritt vor der Vollziehung der Ehe war.
Du erstarrst. Es wird still im Raum. Deine Patin beugt sich über dich, ihre Stimme ist leise, beherrscht und unnachgiebig. „Du musst ihn um seinen Segen bitten“, sagt sie. „Du musst dich gemäß der Tradition opfern.“ Dein Magen verkrampft sich vor Schmerz; die Warnung deiner Mutter macht endlich Sinn. Und hier kommt der Teil, den dir niemand gesagt hat: Dieses Ritual ist nicht symbolisch, es ist prozedural. Es ist der erste Schritt der Überprüfung durch Rom. Die Zeugen nähern sich. Der Priester flüstert ein Gebet, das eher auswendig gelernt als von Herzen kommt. Der Arzt richtet sich auf und bereitet sich auf seine Rolle vor. Du bist gefangen zwischen Tradition, geschnitztem Holz und der Wahrheit, die tief in dir steckt: Du bist nicht hier, um verehrt zu werden, sondern um bestätigt zu werden.
Die Brautjungfer stellt sich hinter dich und verändert deine Position mit brutaler Effizienz. Keine Zärtlichkeit, keine Privatsphäre, nur Hände, Befehle und Augen, die jede deiner Bewegungen beobachten. Sie nennen es einen heiligen Ritus, aber du hast bereits erkannt, dass es sich um Bürokratie handelt, die sich als Religion tarnt. Rom spricht es nie offen aus, aber es ist wahr: Jedes heutige Ritual existiert, weil Männer Beweise verlangen. Beweise, dass du nicht berührt wurdest, Beweise, dass du gehorsam warst, Beweise, dass jedes Kind, das aus dieser Ehe hervorgeht, deinem Mann gehört und nicht jemandem, der draußen Lieder singt. D
