Die alte Eckkneipe an der Frankfurter Bergerstraße hatte sich seit Jahrzehnten kaum verändert. Die roten Kunstlederbänke waren aufgerissen, der Kaffee immer lauwarm und die Musikbox in der Ecke hatte seit Jahren keinen Ton mehr von sich gegeben. Doch für Helena war dieser Ort ein Zuhause. Seit dem Tod ihrer Mutter arbeitete sie hier als Kellnerin. Immer müde, immer lächelnd.
An diesem Morgen waren die Trinkgelder schlecht. Ihre Schuhe hatten Löcher und der letzte 10 € Schein in ihrem Portemonnaie war eigentlich fürs Benzin gedacht. Doch als sie den erschöpften Mann in der hintersten Nische sah, ohne Mantel, ohne Bestellung, nur zitternde Hände, ging sie hinüber, goss ihm Kaffee ein und schob den Schein der Kassiererin zu. Mit einem leisen Flüstern.
„Der geht auf mich.“ Seinen Namen kannte sie nicht, aber sie konnte nicht einfach an jemandem vorbeigehen, der noch frierender aussah als sie selbst. „Haben Sie schon einmal so etwas getan? Einen kleinen Akt der Güte, ohne dass jemand zusieht?“ Helena hatte nicht immer so gelebt. Es gab Zeiten, in denen das Leben leichter gewesen war, als sie noch unbeschwert lachte, die Miete kein ständiger Schatten über ihr war und die Stimme ihrer Mutter das Kleine zu Hause wie Musik erfüllte.
Doch seit dem Verlust ohne Familie war die kleine Kneipe ihre ganze Welt geworden. Sechs Tage die Woche arbeitete sie, manchmal sieben, wenn Marianne krankheitsbedingt ausfiel. Jeden Morgen um 6 Uhr drückte sie die schwere Hintertür auf, Haare hochgesteckt, Schürze gefaltet, Hoffnung still in der Brust verborgen und jeden Abend verließ sie den Laden mit schmerzenden Füßen und gerade so viel Trinkgeld, um den nächsten Tag zu überstehen.
Die Kneipe selbst war nichts Besonderes, ein verblasstes Stück Stadtteil, das die Zeit längst vergessen hatte. Doch die Stammgäste kamen immer noch, Herr Krause, der pensionierte Briefträger, der ihr mit einem Augenzwinkern stets genau 1 € da ließ. Das ältere Paar Heinrich und Lotte, die sich ein Schnitzel teilten und dabei Händchen hielten, oder die Studenten von der nahen Göttoni, die sich nur Pommes leisten konnten, aber stundenlang wegen des WLANs blieben.
Helena kannte sie alle. Sie erinnerte sich an ihre Geburtstage, ihre Lieblingsgerichte, daran, wie jeder seine Eier mochte. Sie hatte nichts Großes zu geben, doch was sie hatte, war Wärme. An jenem Wintermorgen, als die Straßen glatt und die Tische leer blieben, hatte sie bis 10 Uhr gerade zwei Bestellungen aufgenommen.
Die Kasse klingelte kaum und ihr eigener Magen knurrte. Wieder hatte sie das Frühstück ausgelassen. Als sie in ihre alte Geldbörse blickte, lagen dort exakt 10 € sorgsam gefaltet. Damit sollte sie die nächsten zwei Tage überstehen. Benzin für das Auto, vielleicht eine Dose Suppe. Mehr nicht. Dann kam er herein. Er wirkte fehl am Platz, ohne Mantel, die Hose feucht, die Bewegungen schwer, als schmerzten seine Knochen.
Er setzte sich ganz hinten allein, die Hände verkrampft, als kämpfte er noch immer gegen die Kälte draußen. Helena beobachtete, wie er die Karte nur zum Schein aufschlug, ohne etwas zu bestellen. Schließlich starrte er einfach zum Fenster hinaus, die Schultern gebeugt, den Blick verloren. Etwas an seiner Haltung, dieses stille Vergessen sein, traf sie tief.
Langsam ging sie zu ihm, die Kaffeekanne in der Hand. „Draußen ist es eisig“, sagte sie sanft. Überrascht hob er den Blick und nickte. „Dann wärme ich sie ein wenig auf.“ Sie goss den Kaffee ein, noch bevor er etwas erwidern konnte. „Keine Sorge, heute geht’s aufs Haus“, fügte sie hinzu, mit einem Lächeln, das sie sich mühsam abbringen musste.
Er wollte protestieren, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Stattdessen senkte er den Blick und umfasste die angeschlagene Tasse, als sei sie ein Schatz. Helena drehte sich um, ging zur Theke, griff in ihre Tasche und holte das letzte hervor, was sie noch hatte, den zerknitterten 10 € Schein.
Sie schob ihn der Kassiererin wortlos zu. „Der Kaffee da hinten“, murmelte sie.
Der Mann saß noch immer dort, nippte langsam an seinem Kaffee, ohne eine weitere Bestellung aufzugeben. Helena bediente andere Tische, wischte Speisekarten ab und lächelte durch ihre Müdigkeit hindurch. Doch als sie wieder zur hintersten Nische blickte, war er verschwunden. Nur die Tasse stand noch da, warm und darunter ein Zettel.
Ihr Herz schlug schneller. Mit zitternden Fingern griff sie nach dem gefalteten Papier. Es war dick, hochwertig, sorgfältig gefaltet. Kein Name, nur sechs handgeschriebene Worte. „Du hast keine Ahnung, wer ich bin.“ Helena starrte darauf, als könne die Botschaft verschwinden, wenn sie zu oft blinzelte. Die Worte wirkten geheimnisvoll, beinahe bedrohlich und doch verriet die Handschrift etwas anderes, fest, aber ordentlich wie von jemandem, der seine Gedanken mit Bedacht formte.
Sie sah sich um, hoffte, er sei nur kurz hinausgegangen, um Luft zu schnappen. Doch draußen fiel leise der Schnee, bedeckte Gehweg und Laternen in Stille, niemand zu sehen. Sie steckte den Zettel in ihre Schürzentasche und tat so, als zitterten ihre Hände nicht. Vielleicht war es nur eine poetische Art danke zu sagen, redete sie sich ein.
„So etwas wie ich werde das nie vergessen.“ Doch der Blick in seinen Augen, wie er die Tasse festhielt, als sei sie ein Rettungsanker, das hatte sich nicht wie ein gewöhnlicher Moment angefühlt. Sie erzählte niemandem von dem Zettel, nicht einmal Marianne, die später mit verschmiertem Lippenstift und der üblichen Klatscherei zur Mittagsschicht erschien.
Helena faltete das Gefühl tief in sich hinein und arbeitete weiter im vertrauten Rhythmus von Bestellungen, Gläsern und Tabletts. Gegen 4 Uhr nachmittags war der Schnee in matschigen Regen übergegangen. Ihre Füße pochten in den löchrigen Schuhen, während sie Ketchupflaschen nachfüllte. Da hielt ein schwarzer Wagen vor der Kneipe, glänzend, makellos, zu elegant für diesen Ort.
Helena beobachtete, wie er im Leerlauf schnurrte, bis sich die hintere Tür öffnete. Ein Mann im grauen Wollmantel stieg aus, nicht derselbe wie am Morgen, aber irgendetwas an seiner Haltung ließ ihr Herz schneller schlagen. Er ging direkt zur Eingangstür, hielt kurz inne und blickte hinein. Ihre Augen trafen sich. Sie frohr ein.
Langsam betrat er den Gastraum wie jemand, der nach Jahren wieder den Duft seines Elternhauses einatmete. Sein Blick wanderte durch den Raum, bis er erneut bei ihr landete. „Sind Sie Helena Berger?“, fragte er mit ruhiger Stimme. Ihr Hals schnürte sich zu. „Ja“, er lächelte. „Nicht freundlich, nicht kalt, einfach wissend.
Ich brauche einen Moment ihrer Zeit. Unter vier Augen, wenn es recht ist.“ Marianne beugte sich von hinten über die Theke, flüsterte: „Helena! Kennst du den?“ „Nein“, antwortete sie ehrlich, doch tief in ihrer Brust meldete sich ein anderes Gefühl. Sie führte ihn ins kleine Büro hinten, eigentlich nur ein Abstellraum mit Schreibtisch und flackernder Lampe, und schloss die Tür.
Der Mann setzte sich ohne Einladung, schlug die Beine übereinander und legte eine lederne Mappe auf den Tisch. „Mein Name ist Thomas Keller“, begann er ruhig. „Und ich vertrete eine Privatperson, die heute dieses Lokal kaufen möchte.“ Helena blinzelte. „Wie bitte? Warum? Dieses Lokal steht doch gar nicht zum Verkauf.“ Thomas lächelte knapp.
„Das wird es, wenn Sie zustimmen.“ Für einen Moment bekam sie keine Luft. „Ich bin nur Kellnerin!“ Stieß sie hervor, halb lachend. „Da müssen Sie mit dem Besitzer sprechen.“ „Der Besitzer wurde bereits kontaktiert.“ Alles in ihr fühlte sich an, als stünde sie plötzlich auf einem Förderband, dass sie in eine Richtung zog, die sie nicht verstand.
„Und was hat das mit mir zu tun?“ Sein Blick ruhte auf ihr, nicht höflich distanziert, sondern tief. „Alles.“ Helena lehnte sich gegen den wackligen Schreibtisch, die Arme verschränkt wie ein Schutzschild. „Da liegt bestimmt ein Irrtum vor.“ Doch Thomas Keller blinzelte nicht einmal. „Nein, es gibt keinen Irrtum.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht, was für ein Spiel das hier ist, aber ich besitze nichts. Ich schaffe es kaum, meine Miete zu zahlen. Ich habe dieser Kneipe alles gegeben, aber ich bin niemand Wichtiges.“ Thomas öffnete die Mappe vorsichtig, fast ehrfürchtig. Darin lag ein offizieller Vertrag mit silbernem Briefkopf, juristisch sauber formuliert und unten bereits unterschrieben.
Helena kniff die Augen zusammen und ihr Magen verkrampfte. Unterzeichnet war er von Rudolf Brandner, dem eigentlichen Besitzer des Lokals, einem Mann, den sie seit über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Er kassierte nur die Miete, meckerte über die kaputte Leitung, mehr nicht. Und jetzt stand da in Tinte die Übertragung des gesamten Besitzes. An sie.
„Ich verstehe nicht“, flüsterte sie. Thomas sprach nun sanfter, fast so, als spürte er den Sturm in ihr. „Herr Brandner hat nur unter einer Bedingung zugestimmt, dass die Eigentümerschaft auf sie übertragen wird. auf sie, Frau Berger.“ Ihr stiegen Tränen in die Augen. „Aber ich habe kein Geld. Ich konnte mir heute nicht einmal ein Mittagessen leisten.
Warum sollte er das tun?“ Thomas zögerte kurz. Dann griff er erneut in die Mappe und reichte ihr ein zweites Blatt. Gleiches dickes Papier, gleiche ruhige Handschrift. Darauf stand: „Du hast gegeben, als du nichts hattest. Ein Herz wie deins verdient eine zweite Chance. Genieße die Aussicht von der anderen Seite des Tresens. Ein Freund.“
Helena schlug die Hand vor den Mund. Sofort erkannte sie den Ton. Es war er, der Mann aus der Nische, der Kaffee. Ihre letzten 10 €. Sie hatte nichts erwartet, nicht einmal seinen Namen. Und nun stellte er ihr Leben auf den Kopf. Langsam setzte sie sich auf den Stuhl, klammerte sich an die Lehnen, um nicht den Halt zu verlieren.
„Wer ist er?“ Thomas schwieg einen Augenblick, als wäge er ab, ob er ihr ein Familiengeheimnis verraten sollte. Dann sagte er leise: „Dieser Mann besitzt über 400 Millionen Euro Immobilien, Hotels, Beteiligungen. Aber gestern Morgen verließ er eine Vorstandssitzung, die ihn fast zerstört hätte. Ein Skandal, Verrat.
Sein eigener Bruder hat ihn hintergangen. Er vertraute niemandem mehr.“ Helenas Herz krampfte. „Kein Wunder, dass er so gebrochen aussah. Er war am Boden“, fuhr Thomas fort, „bis ihm eine Frau mit löchrigen Schuhen und 10 € in der Tasche zeigte, was echte Güte bedeutet.“ Helena schloss die Augen.
„Aber warum mir diese Kneipe überlassen?“ „Weil er es konnte“, sagte Thomas. „Und weil Sie nichts verlangt haben. Das ist selten in seiner Welt und eigentlich überall.“ Langsam öffnete sie die Augen, Tränen verschwommen die Sicht. „Es ist zu viel. Ich weiß nicht, wie man ein Geschäft führt. Ich serviere Kaffee und lächle mehr nicht.“
