Zwölf Jahre lang wartete jeden Donnerstag eine Labradorhündin namens Mila am Gartentor.
Pünktlich.
Egal ob Regen, Hitze oder Schnee.
Sie liebte das Geräusch des heranrollenden Müllwagens. Sobald er um die Ecke bog, sprang sie auf, bellte kurz – nicht laut, eher aufgeregt und wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass ihr ganzer Körper wackelte.
Und sie wartete auf Thomas.
Thomas arbeitete seit Jahren bei der Stadtreinigung. Der Stopp an diesem Haus dauerte nie lange. Ein paar Sekunden nur. Ein kleines Leckerli aus der Jackentasche. Ein kurzes „Na, mein Mädchen?“ Ein Blick, der mehr sagte als Worte.
Für Mila war es ein Fest.
Für Thomas der freundlichste Moment seiner Woche.
Doch an einem Donnerstag blieb das Gartentor geschlossen.
Thomas stieg wie immer aus.
Das Leckerli lag bereit in seiner Hand.
Still.
Kein Kratzen am Zaun.
Kein aufgeregtes Bellen.
Er rief ihren Namen.
Nichts.
Die Haustür öffnete sich langsam.
Eine ältere Frau trat hinaus. Ihre Schultern waren schwer, ihre Augen müde. Sie musste nichts erklären. Ein leises Kopfschütteln reichte.
Thomas verstand.
Das Leckerli blieb unberührt in seiner Hand.
Eine Woche später hielt der Müllwagen wieder an
derselben Stelle.
Dieses Mal hatte Thomas nichts in der Tasche.
Stattdessen ging er zum Tor und legte einen kleinen Strauß weißer Blumen auf den Pfosten. Daneben platzierte er einen neuen, noch sauberen Gummiball.
Er legte die Hand auf das Holz – genau dort, wo Milas Pfoten so oft dagegengestützt hatten.
„Mach’s gut, Mädchen“, sagte er leise.
Manchmal entstehen Verbindungen, die niemand geplant hat.
Zwischen Arbeit und Alltag.
Zwischen Mensch und Tier.
Und manchmal merkt man erst, wie wichtig sie waren,
wenn am Donnerstag plötzlich niemand mehr wartet
