Mia ließ sich langsam auf den Boden sinken.
Im Inneren von Le Ciel schien die Zeit stillzustehen. Das Klirren von Besteck verblasste in eine unruhige Stille. Die Lichter, die einst warm auf goldenen Akzenten und Kristall reflektiert waren, fühlten sich plötzlich kalt an – wie stille Zeugen von etwas, das jeder so tat, als würde es nicht sehen.
Das Wagyu-Steak lag auf dem Boden. Der Teller war zerbrochen. Die rote Soße hatte sich ausgebreitet und den Marmor wie eine Wunde befleckt.
Alle Augen waren auf Mia gerichtet.
Investoren in maßgeschneiderten Anzügen. Frauen, geschmückt mit Diamanten. Köche, die hinter der Spiegelwand zusahen. Kolleginnen und Kellnerinnen erstarrten vor Angst am Rand des Raumes.
Mia kniete nieder.
Mr. Gozon lächelte.
“Na?” murmelte er scharf. “Beeil dich. Verschwende nicht die Zeit meiner Gäste.”
Mia atmete tief ein. Ihre Hände berührten den Boden, zitternd. Tränen liefen ihr über die Wangen – doch etwas in ihr veränderte sich, als hätte sich eine längst geschlossene Tür geöffnet.
Sie griff nicht nach dem Fleisch.
Stattdessen erhob sie sich.
Ein Schritt. Dann noch einer. Ihr Rücken richtete sich auf. Ihr Kinn hob sich.
Herr Gozons Gesichtsausdruck verdunkelte sich. “Was glaubst du, was du da tust?”
Mia sagte nichts. Langsam löste sie die Schürze von ihrer Taille – ohne Wut, ohne Eile – und legte sie sanft auf den zerbrochenen Teller.
Ein Flüstern breitete sich im Speisesaal aus.
“Was ist das?” zischte Gozon. “Bist du verrückt geworden?”
Mia traf seinen Blick. Zum ersten Mal, seit sie Le Ciel betreten hatte, verbeugte sie sich nicht. Sie zuckte nicht zusammen.
Ihre Stimme zitterte – aber sie war ruhig.
“Du bist gefeuert.”
Der Raum brach aus.
Gozon lachte, laut und grausam. “Ich? Gefeuert? Wer glaubst du, bist du—”
Ein einzelnes Klatschen durchbrach den Lärm.
Langsam. Absichtlich.
Es kam vom anderen Ende des Raumes – vom Investorentisch.
Ein Mann in einem grauen Anzug stand auf. Weiße Haare. Durchdringende Augen. Autorität, die keine Lautstärke brauchte.
Laurent Duval.
Gründer der Duval Hospitality Group. Besitzer von Le Ciel.
Gozon wurde blass.
“S-Sir Laurent… Ich wusste nicht, dass du hier bist—”
“Ich habe alles gesehen”, sagte Laurent kühl, als er einen Schritt nach vorne machte. Jeder Schritt hallte wie ein Urteil wider. “Und ich wünschte, ich hätte es nicht getan.”
Das Restaurant wurde still.
Mia stand zitternd da—aber weinte nicht mehr.
“Mr. Gozon”, fuhr Laurent fort, “erklären Sie, warum Sie sich entschieden haben, einen Mitarbeiter vor Gästen zu demütigen.”
stotterte Gozon. “Ich—ich habe nur Spaß gemacht—”
“Das ist noch nicht alles”, sagte Laurent. “Ich habe auch gehört, dass du Wörter wie ‘iss es’ und ‘Scheiße’ benutzt.”
Gozon schluckte schwer. “Sir, ich wollte nicht—”
KNALL.
Das Geräusch hallte scharf.
Es war nicht Laurent.
Es war die Frau neben ihm.
Isabelle Duval.
Miteigentümer der Gruppe. Und weit weniger verzeihend.
“In diesem Geschäft”, sagte sie kalt, “tolerieren wir keine Menschen, die mit der Würde eines anderen spielen.”
Sie wandte sich Mia zu. “Dein Name?”
“M-Mia.”
“Vollständiger Name.”
“Mia Alonzo.”
Isabelle hielt inne. “Alonzo…” Ein schwaches Lächeln. “Dr. Rafael Alonzos Tochter?”
Mias Augen weiteten sich. “Ja.”
Laurent nickte. “Der Kardiologe, der Bestechungsgelder im Wert von Millionen ablehnte, um seine Patienten zu retten?”
“Ja”, flüsterte Mia.
“Das überrascht mich nicht”, sagte Laurent.
Er wandte sich wieder Gozon zu.
“Ab diesem Moment sind Sie nicht mehr der Manager von Le Ciel.”
“Sir, bitte – nur noch eine Chance –”
“Sicherheit”, sagte Isabelle.
Zwei Wachen näherten sich.
Als Gozon weggezogen wurde, schrie er Mia an: “Du glaubst, du hast gewonnen?! Du bist nichts als eine Kellnerin!”
Laurent hielt inne.
“Nein”, sagte er ruhig. “Sie ist ein Mensch.”
Die Türen schlossen sich hinter Gozon.
Stille.
Dann Applaus – donnernd, aufrichtig. Das ganze Restaurant stand auf.
Mia schnappte überwältigt nach Luft.
Isabelle trat auf sie zu. “Willst du immer noch Kellnerin werden?”
Mia blinzelte. “Ich—was?”
“Es gibt eine Öffnung”, sagte Isabelle. “Managementschulung. Wenn du willst.”
“Aber ich arbeite hier erst seit drei Tagen—”
“Würde”, antwortete Laurent, “hat nichts mit der Zeit zu tun.”
Mia ließ sich auf einen Stuhl fallen – schwach, nicht aus Angst, sondern vor Möglichkeit.
Draußen regnete es.
Drinnen war jemand aufgestiegen.
Der nächste Morgen fühlte sich unwirklich an.
Mia wachte in ihrem winzigen gemieteten Zimmer auf – kahle Wände, ein schmales Bett, überall gestapelte Bücher. Geschäft. Psychologie. Führung. Sie hatte sie jahrelang still studiert.
Ihr Handy vibrierte.
