Jahre später sah der Ex-Mann seine frühere Frau an der Tür einer Klinik wieder.
Veronika erstarrte an der halb geöffneten Küchentür.
Unbewusst presste sie in den Fingern ein feuchtes Waffelhandtuch zusammen, dessen grober Stoff sich unangenehm in ihre Haut bohrte.
Aus dem Lautsprecher des Smartphones, das auf der abgenutzten Wachstuchtischdecke mit Sonnenblumenmuster lag, drang die schrille, klirrende Stimme von Tamara Iljinitschna.
„Wirf diese Unfruchtbare raus, sie wird dir niemals ein Kind schenken!“, verkündete die Schwiegermutter und betonte jedes Wort.
„Ihr lebt schon im dritten Jahr zusammen, und der Nutzen ist gleich null.
Keine Kinder, kein gemütliches Zuhause.
Sie saugt dir nur die Kraft aus, Stanislaw.“
Er saß krumm da und kratzte mit dem Fingernagel methodisch an der abgeplatzten Farbe am Bein des Hockers herum, während er nur undeutlich als Antwort brummte.
Auf dem Herd köchelte leise Wasser in einem alten emaillierten Topf.
„Mama, warte doch mal …“, stieß Stanislaw hörbar aus.
„Wohin soll ich sie denn jagen?
Die Wohnung gehört doch ihr.“
„Dann geh eben selbst!
Soll sie allein in ihren vier Wänden hocken.
Du findest dir eine normale, gesunde Frau.
Und die da … eine Fehlblüte.
Solche wie sie durchschaue ich sofort.
Bestimmt treibt sie sich auf ihrer Arbeit herum, deswegen bleibt für dich keine Kraft mehr übrig.“
In Veronika wurde alles eiskalt.
Die Erwartung auf wenigstens ein bisschen Schutz, die zaghaft gehegte Hoffnung, dass ihr Mann diesen giftigen Monolog jetzt unterbrechen würde, schmolz mit jeder Sekunde dahin.
Doch Stanislaw schwieg.
Er saß einfach nur da und hörte zu, wie man seine Frau in den Dreck zog.
Veronikas Leben hatte nie einem Märchen geglichen.
Sie war dreiunddreißig geworden.
Ein Alter, in dem jugendliche Illusionen endgültig verfliegen und einer nüchternen Sachlichkeit Platz machen.
Sie arbeitete als Technologin in einer örtlichen Bäckerei am Rand einer kleinen Industriestadt.
Die Arbeit war körperlich erschöpfend.
Jeder ihrer Tage begann sehr früh.
Das monotone Brummen des Kühlschranks in der Dunkelheit, der Geruch der leeren Wohnung, eine Tasse glühend heißer schwarzer Tee.
Dann ein Sprint zur Haltestelle, der kalte Morgenbus, in dem die Fahrgäste dösend an den gefrorenen Scheiben lehnten.
Bei der Arbeit empfing sie der dichte Duft von Vanille, geschmolzener Butter und frischer Hefe.
Veronika knetete den Teig und spürte seine Nachgiebigkeit und lebendige Wärme.
Ihre Hände waren immer mit einer feinen Mehlschicht bedeckt, gegen die keine Creme half.
Stanislaw griff ebenfalls nicht nach den Sternen.
Er arbeitete als Disponent in einer großen Logistikfirma.
Er kam spät zurück, und seine Jacke war vom Geruch nach Abgasen, Staub und billigem Instantkaffee durchtränkt, den sie in der Firma literweise tranken.
Veronika machte ihm keine Vorwürfe.
Sie sah, dass ihr Mann müde war und mit einem grauen, eingefallenen Gesicht nach Hause kam.
Abends aßen sie in der engen Küche zu Abend.
Veronika stellte Teller mit hausgemachten Frikadellen oder geschmortem Kohl auf den Tisch.
Stanislaw aß schweigend und scrollte ununterbrochen durch den Nachrichtenfeed auf seinem Handy, wobei er nur gelegentlich unzufriedene Bemerkungen über die Ungerechtigkeit seiner Vorgesetzten fallen ließ.
In solchen Momenten schien Veronika, dass bei ihnen alles in Ordnung sei.
Vielleicht arm, vielleicht ohne Reisen ans Meer und ohne schöne Abendessen, aber immerhin zusammen.
Ein Dach über dem Kopf war da, die Zimmer waren warm.
Doch tief in ihrer Seele wuchs eine dumpfe Sehnsucht.
Veronika wollte verzweifelt ein Kind.
Bei der Arbeit blickte sie oft aus dem Fenster und beobachtete, wie Mütter kleine Kinder in Daunenjacken an der Hand über den Gehweg führten.
Wenn sie in die leere, stille Wohnung zurückkehrte, spürte sie diese klingende, drückende Stille immer stärker.
Anfangs hatten sie und Stanislaw beschlossen, noch etwas zu warten.
Erst einmal auf die Beine kommen, ein wenig Geld zurücklegen.
Doch die Zeit verging, die Ersparnisse wurden nicht mehr, und die Versuche, schwanger zu werden, blieben erfolglos.
Monat für Monat wartete Veronika mit angehaltenem Atem auf ein Wunder, blickte auf den einen blassen Teststreifen und fühlte einen Kloß im Hals.
Sie versuchte, mit ihrem Mann zu sprechen.
Vorsichtig, die Worte sorgsam wählend, um seinen Stolz nicht zu verletzen.
„Stas, vielleicht sollten wir uns untersuchen lassen?
Vielleicht stimmt etwas nicht?
Heutzutage kann man doch viele Dinge klären, man muss nur die nötigen Tests machen.“
Stanislaw ging sofort in die Luft, und auf seinen Wangenknochen traten rote Flecken hervor.
„Wenn du das brauchst, dann geh doch!
Mit mir ist alles bestens.
Willst du sagen, ich wäre irgendwie unvollständig?“
„Das habe ich nicht gesagt.
Es wird nur empfohlen, dass beide sich untersuchen lassen …“
„Also pass auf!“, schlug er gereizt mit der Hand auf den Tisch, sodass der Salzstreuer hüpfte.
„Mit mir gibt es keine Probleme.
Du bist doch diejenige, die immer müde und blass herumläuft.
Geh allein in deine Einrichtungen, aber zieh mich da nicht mit rein!“
Nach solchen Gesprächen ging er ins Zimmer, zog die Tür fest zu und stellte den Sportsender auf volle Lautstärke.
Veronika blieb in der Küche zurück und sammelte schweigend die Krümel mit einem feuchten Schwamm vom Tisch.
Sie wollte keine Skandale.
Sie wollte einfach nur eine richtige Familie.
