Dreißig Jahre.
Diese Zahl pochte in Marcus’ Kopf wie ein Schlag. Dreißig Jahre Arbeit. Dreißig Jahre Opfer. Dreißig Jahre Demut. Und nun wurde seine Mutter in dem Haus, das er als Dank gekauft hatte, wie ein störendes Möbelstück behandelt.
Er trat aus dem Schatten.
Seine Schritte waren ruhig, aber jeder einzelne hallte durch die Küche wie ein Urteil.
Victoria fuhr herum. Ihr Gesicht wechselte in Sekundenbruchteilen von Verachtung zu Überraschung – dann zu einem aufgesetzten Lächeln.
„Marcus? Du bist doch erst morgen zurück…“
Lil Chen erstarrte. Ihre Schultern sanken, als hätte man sie beim Stehlen ertappt, obwohl sie nichts getan hatte. Sie wollte etwas sagen, doch Marcus hob sanft die Hand.
„Mama“, sagte er leise, auf Mandarin. „Geh bitte kurz in dein Zimmer.“
Sie zögerte. Ihre Augen suchten sein Gesicht, voller Angst und Entschuldigung – als wäre **sie** diejenige, die etwas falsch gemacht hatte.
„Bitte“, wiederholte er.
Langsam nickte sie und ging. Ihre Schritte waren klein, vorsichtig. Als sie verschwunden war, schloss Marcus die Küchentür.
Victoria lachte nervös. „Du hast das falsch verstanden. Ich habe nur—“
„Setz dich“, sagte Marcus.
Sein Tonfall war ruhig. Gefährlich ruhig.
Victoria blieb stehen. „Marcus, du übertreibst. Du weißt doch, wie empfindlich deine Mutter ist. Ich versuche nur—“
„Setz dich.“
Sie tat es.
Marcus zog den Stuhl ihr gegenüber zurück und setzte sich ebenfalls. Er löste die Krawatte, legte sie sauber auf den Tisch. Dann sah er sie an.
„Alles, was du gerade gesagt hast“, begann er langsam, „habe ich gehört.“
Victorias Gesicht verlor jede Farbe.
„Jedes Wort“, fuhr er fort. „Über ihr Essen. Ihr Gesicht. Ihre Brille. Ihre Existenz.“
„Ich war frustriert“, stammelte sie. „Mein Buchclub, der Stress, du warst weg—“
Marcus lehnte sich zurück.
„Weißt du, was meine Mutter heute getan hat, während ich in Tokio war und einen Deal abgeschlossen habe, der uns reicher macht, als wir ohnehin schon sind?“
Victoria schwieg.
„Sie ist um fünf Uhr morgens aufgestanden. Hat Reis gewaschen. Gemüse geschnitten. Suppe gekocht. Nicht für sich. Für **mich**. Weil sie dachte, ich käme müde zurück und bräuchte etwas Vertrautes.“
Er beugte sich vor.
„Die Suppe, die du ‘ekelhaft’ genannt hast, hat mich durch Prüfungen gebracht. Durch Nächte, in denen wir nicht wussten, ob wir die Miete zahlen können. Durch ein Leben, das du nie kennenlernen musstest.“
Victoria schluckte. „Marcus, ich liebe dich. Aber ich habe mir dieses Leben auch aufgebaut—“
„Nein“, unterbrach er sie. „Du hast es **geerbt**.“
Stille.
„Dieses Haus“, sagte Marcus ruhig, „steht auf meinem Namen. Alle Konten. Alle Anlagen. Alles.“
Er holte sein Handy hervor, tippte kurz.
„Ich habe gerade meinen Anwalt informiert.“
Victorias Augen weiteten sich. „Weswegen?“
Marcus sah sie an. Kein Zorn. Keine Wut. Nur Klarheit.
„Du wirst heute ausziehen.“
„Was?! Das kannst du nicht ernst meinen! Wegen eines Missverständnisses—“
„Es war kein Missverständnis“, sagte er fest. „Es war Charakter.“
Er stand auf.
„Du bekommst eine Wohnung. Großzügig. Du wirst finanziell abgesichert sein. Aber du wirst nicht mehr unter demselben Dach leben wie die Frau, die mir mein Leben geschenkt hat.“
Victoria sprang auf. „Marcus, bitte! Denk an die Presse, an unsere Freunde—“
Er lächelte traurig. „Wenn mein Erfolg davon abhängt, meine Mutter zu erniedrigen, dann ist er nichts wert.“
Er öffnete die Tür.
„Du hast eine Stunde.“
—
Marcus klopfte an die Tür des Gästetrakts.
„Mama?“
Lil Chen öffnete vorsichtig. Ihre Augen waren rot.
Marcus trat ein, kniete sich vor sie und nahm ihre Hände.
„Es tut mir leid“, sagte er auf Mandarin. „Ich habe nicht gesehen, was direkt vor mir war.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich wollte keinen Ärger machen.“
Er lächelte schwach. „Du hast keinen gemacht. Ich habe ihn beendet.“
Tränen liefen über ihr Gesicht. „Ich bin stolz auf dich“, flüsterte sie.
Marcus schüttelte den Kopf. „Nein, Mama. **Ich bin stolz auf dich.**“
An diesem Abend aßen sie zusammen Suppe. Am großen Tisch. Ohne Scham. Ohne Angst.
Und zum ersten Mal verstand Marcus wirklich:
Reichtum bedeutet nicht, wie groß dein Haus ist.
Sondern, wen du darin schützt.
