Er hatte mit allem gerechnet – toten Tieren, ausgesetzten Welpen, Wildererausrüstung, sogar Waffen.
Aber darauf war er nicht vorbereitet.
Im Sack lag ein Baby.
Sehr klein. Eingewickelt in eine dünne Decke, die durchnässt und steif vom Frost war. Sein Gesicht war blau vor Kälte, seine Lippen verfärbt, seine Wimpern verklebt. Das Baby weinte nicht – es hatte nicht mehr die Kraft dazu. Nur sein Brustkorb hob und senkte sich, kaum merklich, als atmete es aus reiner Gewohnheit, ohne zu wissen, ob es sich lohnte.
Der Förster sank auf die Knie. Seine Hände zitterten so stark, dass er den Sack beinahe fallen ließ.
„Oh mein Gott …“, flüsterte er und erkannte seine eigene Stimme nicht wieder.
Der Welpe kroch sofort näher, drückte seine feuchte Nase an den Rand des Sacks und prüfte mit einem leisen Wimmern, ob das, das er bewachte, noch lebte. In dieser kleinen, schmerzerfüllten Stimme lag so viel Verzweiflung, dass dem Förster Tränen in die Augen stiegen.
Vorsichtig nahm er das Kind in die Arme und drückte es an sich, um es wenigstens ein wenig zu wärmen. Sein Mantel war alt, aber dick. Er knöpfte ihn auf und zog das Baby ungeschickt, mit männlicher Vorsicht, an seine Brust, aus Angst vor jeder unnötigen Bewegung.
„Beruhig dich … beruhig dich …“, flüsterte er, obwohl er selbst nicht wusste, zu wem er sprach: zu dem Baby, zu sich selbst oder zum Wald um ihn herum.
Der Welpe tat keinen einzigen Schritt. Er rutschte auf seinen winzigen Pfötchen über den eisigen Boden, blieb immer wieder stehen und blickte zu dem Mann auf – als wollte er sich vergewissern, dass er ihn nicht auch hier zurücklassen würde.
Der Rückweg zum Auto schien endlos. Jeder Schritt hämmerte ihm in die Schläfe. Ein einziger Gedanke schoss ihm durch den Kopf:
Wer konnte so etwas tun?
Wie konnten sie nur ein Neugeborenes im Wald zurücklassen, in der Kälte, in der Obhut eines wehrlosen Hundes, als ob der die Verantwortung für es übernehmen könnte?
Im Auto drehte er die Heizung voll auf. Er nahm seinen Schal ab, wickelte ihn um das Kind und dann noch einmal über die Decke. Das Baby weinte leise – als protestierte es gegen das langsame Verschwinden der Kälte.
„Lebe … hörst du? Lebe einfach …“, sagte er mit zitternden Händen, während er den Motor startete.
Der Welpe kauerte sich auf dem Sitz der Mutter zusammen und schmiegte sich an die Tasche, als wäre das immer noch Teil seiner Arbeit. Der Förster kümmerte sich nicht um ihn.
Im Kreiskrankenhaus brach sofort ein heilloses Durcheinander aus. Krankenschwestern, Ärzte, Fragen, eine Trage. Wer, wo, wann, wie? Er antwortete in kurzen Sätzen und wandte den Blick nicht von dem kleinen Päckchen ab, bis sich die Tür der Intensivstation schloss.
„Und der Welpe?“, fragte eine junge Krankenschwester leise.
„Er bleibt bei mir“, antwortete sie sofort, ohne nachzudenken. „Er kann nichts dagegen tun. Er … er beschützt mich.“
Stunden vergingen. Und noch mehr. Draußen wurde es dunkel, und er saß auf einem harten Stuhl und klammerte sich an seinen Hut, der vom schmelzenden Schnee nass war. Der Welpe schlief zu seinen Füßen und zitterte ab und zu im Schlaf.
Im Morgengrauen kam der Arzt heraus. Er war müde, seine Augen waren rot.
„Ein kleiner Junge. Er ist schwer unterkühlt, aber … er hat ihn rechtzeitig gebracht. Wäre es noch eine Stunde länger gewesen – ich weiß nicht, was passiert wäre.“
Der Förster atmete erleichtert auf.
„Wird er überleben?“
„Ja“, nickte der Arzt. „Dank Ihnen. Und …“ – er hielt inne und senkte den Blick. „Auch dank des Hundes. Hätte das Kind nicht geweint, hätte er es nie gefunden.“
Diese Worte trafen ihn härter als jeder Vorwurf.
Die Ermittlungen dauerten lange. Sie suchten nach der Mutter, dem Vater, nach jedem. Sie fanden ihn. Die Geschichte war einfach, und gerade deshalb so schrecklich: Angst, Scham, die Flucht vor der Verantwortung. Menschen, die es für einfacher hielten, ein Leben im Wald zu verlassen, als es anzunehmen.
Der kleine Junge kam in eine Pflegefamilie. Anfangs besuchte ihn der Förster nur, um nach ihm zu sehen. Dann immer öfter. Er brachte Windeln und Spielzeug, saß am Bett des Kindes, während es schlief, und spürte, wie sich etwas in ihm langsam, aber unwiderruflich veränderte.
Noch am selben Tag nahm er den Welpen mit nach Hause. Er nannte ihn Forest – nicht wegen des Ortes, sondern weil etwas Wildes und Ehrliches in seinen Augen lag, wie der Wald selbst.
Ein Jahr später wurde ihm die Vormundschaft übertragen. Sechs Monate später – die Adoption.
Als der kleine Junge seine ersten Schritte machte, lag Forest neben ihm, den Kopf auf den Pfoten, und sah ihn aufmerksam an – als würde er ihn immer noch beschützen.
Und der Förster – der inzwischen nicht nur ein erfahrener Förster, sondern auch Vater war – begriff eine einfache Wahrheit: An jenem frostigen Tag wurden im Wald mehr als ein verlassenes Kind gefunden.
An diesem Tag schenkte das Schicksal allen dreien eine zweite Chance.
