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Darf ich mich zu Ihnen setzen?‘ fragte die 80-Jährige einen Hells Angel – ihre Worte schockierten.

Das Diner an der Autobahn A3 in der Nähe von Frankfurt platzte aus allen Nähten. Es war später Nachmittag, eine Zeit, in der die Müdigkeit der Reisenden auf den Hunger der Pendler traf. Der Raum war erfüllt von einem dichten Teppich aus Geräuschen: das Klappern von schwerem Besteck auf Porzellan, das Zischen der Espressomaschine und das Stimmengewirr dutzender Gespräche. Jeder Tisch war besetzt, jeder Stuhl belegt.

Dieter König saß allein in der hintersten Ecke, fast verschluckt von den Schatten des Raumes. Er bevorzugte diese Plätze. Sie gaben ihm den nötigen Überblick und hielten ihm den Rücken frei. Vor ihm stand eine halb leere Tasse schwarzer Kaffee und ein Teller, auf dem noch die Reste eines Schnitzels lagen. Dieter war ein Mann, den man nicht übersah, selbst wenn er sich ruhig verhielt. Er war Mitte vierzig, ein Berg von einem Mann, breitschultrig und massiv. Ein dichter, dunkler Bart verbarg einen Teil seines Gesichts, während Tätowierungen wie dunkle Efeuranken seinen Hals hinaufkletterten und unter den Ärmeln seiner Kleidung verschwanden. Aber es war nicht nur seine Statur, die die Menschen auf Distanz hielt. Es war die schwarze Lederkutte, die er trug. Auf dem Rücken prangte in roten Lettern der Schriftzug: Hells Angels MC Germany.

Die Gäste im Diner warfen ihm verstohlene Blicke zu. Manche tuschelten hinter vorgehaltener Hand, andere machten einen bewussten Bogen um seinen Tisch. Dieter war diese Reaktionen gewohnt. Er erwartete keine Gastfreundschaft von der bürgerlichen Welt, und meistens war ihm das Schweigen lieber als geheuchelte Freundlichkeit. Er wollte nur seinen Kaffee austrinken und dann weiter nach Köln fahren, wo ein wichtiges Treffen mit seinen Brüdern anstand. Es war ein Tag wie jeder andere – bis sie den Raum betrat.

Am Eingang stand eine alte Dame. Sie wirkte verloren in dem geschäftigen Treiben. Sie war klein und zierlich, vielleicht achtzig Jahre alt, gehüllt in einen beigen Mantel, der so ordentlich war wie der graue Haarknoten auf ihrem Kopf. In der einen Hand hielt sie krampfhaft ihre Handtasche, in der anderen stützte sie sich schwer auf einen Gehstock. Ihre Augen wanderten verzweifelt durch das Lokal, scannten Reihe um Reihe auf der Suche nach einem Platz, an dem sie ihre müden Beine ausruhen konnte.

Es gab keinen. Eine gestresste Kellnerin rauschte an ihr vorbei, murmelte eine Entschuldigung im Vorbeigehen, bot aber keine Lösung an. Der Blick der alten Dame glitt über die vollen Tische, über essende Familien, die ihre Blicke senkten, und geschäftige Anzugträger, die sie ignorierten. Niemand rückte zur Seite. Niemand bot ihr einen Stuhl an. Die Gleichgültigkeit des Raumes war fast greifbar.

Dann sah sie Dieter.

Er saß an einem Vierertisch, drei Stühle waren leer. Ein unsichtbarer Bannkreis schien ihn zu umgeben. Die alte Frau zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Dann straffte sie ihre schmalen Schultern und setzte sich in Bewegung. Das Klopfen ihres Gehstocks auf dem Fliesenboden war kaum zu hören, aber Dieter bemerkte sie sofort. Er beobachtete, wie sie sich Schritt für Schritt durch die Menge schob, direkt auf seine Ecke zu.

Dieter war verwirrt. Normalerweise wechselten Frauen ihres Alters die Straßenseite, wenn sie ihn sahen. Doch diese hier hielt direkt auf ihn zu. Sie blieb vor seinem Tisch stehen und sah ihm direkt in die Augen. Ihr Blick war müde, gezeichnet von tiefen Linien des Lebens, aber er war klar und fest.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte leicht, aber der Tonfall war bestimmt. „Darf ich mich zu Ihnen setzen? Alle anderen Tische sind voll.“

Dieter blinzelte überrascht. Er sah sich kurz um, als würde er nach einer versteckten Kamera suchen, dann nickte er langsam. „Natürlich. Bitte.“ Mit einer Handbewegung deutete er auf den Stuhl ihm gegenüber.

Die alte Frau atmete hörbar aus, sichtlich erleichtert. Sie setzte sich vorsichtig, lehnte ihren Stock gegen die Tischkante und stellte ihre Handtasche ab, als würde sie eine schwere Last ablegen. Die Kellnerin erschien fast augenblicklich, nahm ihre Bestellung auf – einen Kaffee und ein Stück Apfelkuchen – und verschwand wieder. Dann waren sie allein in ihrer seltsamen Zweisamkeit.

Die Frau sah ihn einen langen Moment an, schweigend. Es war kein starrendes Gaffen, wie Dieter es sonst kannte. Es war ein forschender, fast suchender Blick. Dieter fühlte sich seltsam unwohl, seine harte Schale bot keinen Schutz gegen diese Art von Aufmerksamkeit.

„Sie sind ein Hells Angel“, sagte sie schließlich. Es war keine Frage, sondern eine ruhige Feststellung.

„Ja“, antwortete Dieter vorsichtig, seinen Blick prüfend auf sie gerichtet.

Sie nickte langsam, als würde dies eine interne Vermutung bestätigen. „Ich erkenne die Kutte. Das Abzeichen. Ich habe sie schon oft gesehen.“

 

 

 

 

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