Amelia saß hinter dem Steuer ihrer schwarzen Limousine und starrte auf das Armaturenbrett. Alles tot. Navi aus. Handy ohne Empfang. Motor verreckt.
„Super… einfach perfekt“, murmelte sie trocken.
Panik? Nein. Das kannte sie nicht. Sie war Geschäftsführerin, Millionärin, eine Frau, die in Glasbüros Entscheidungen über Millionen traf. Aber hier, mitten im Nirgendwo, fühlte sich all das plötzlich ziemlich wertlos an. Die Kälte kroch durch die Türdichtungen, biss ihr in die Finger, in die Gedanken.
Dann sah sie es.
Ein Licht. Schwach, gelblich, irgendwo hinter einem verschneiten Feld.
„Okay. Plan B“, sagte sie zu sich selbst, zog ihren Mantel an und stieg aus.
Der Schnee reichte ihr fast bis zur Hüfte. Ihre teuren Stiefel waren nach wenigen Schritten durchnässt, die Absätze blieben stecken. Jeder Schritt war ein Kampf. Aber sie ging weiter. Weil sie musste.
Das Haus wirkte alt. Holzveranda, knarrende Stufen, ein einzelnes Fenster mit warmem Licht. Amelia klopfte. Einmal. Zweimal. Gerade als sie dachte, niemand würde öffnen, ging die Tür auf.
Ein Mann stand vor ihr. Groß, breit, wettergegerbt. Flanellhemd, Bart, ruhiger Blick. Keine Überraschung, keine Freundlichkeit. Einfach nur… Präsenz.
„Mein Auto ist liegen geblieben“, sagte Amelia und hasste es, wie schwach ihre Stimme klang. „Ich habe mich verirrt.“
Er sah sie einen Moment lang an. Sagte nichts. Dann trat er zur Seite.
„Komm rein.“
Die Wärme schlug ihr entgegen. Kaminfeuer, Holzgeruch, ein alter Tisch, zwei Stühle. Einfach. Still. Zu still.
Amelia zog den Mantel aus und bemerkte, wie sehr ihr Herz klopfte.
„Danke“, sagte sie. „Ich bin Amelia.“
„Jonas“, antwortete er knapp.
Er stellte ihr eine Tasse Tee hin. Seine Bewegungen ruhig, fast bedächtig. Keine Hektik. Kein Smalltalk. Das machte sie nervöser als offene Feindseligkeit.
„Wohnst du hier allein?“, fragte sie schließlich.
Er sah sie an. Länger, als nötig gewesen wäre.
„Ja.“
Kurze Pause. Dann: „Und du? Niemand weiß, wo du bist?“
Etwas zog sich in ihr zusammen.
„Warum fragst du das?“
Jonas legte ein Scheit Holz ins Feuer. Die Flammen loderten auf.
„Manche Menschen verschwinden hier draußen schneller, als man denkt.“
Amelia lachte kurz. Zu laut. Zu gezwungen.
„Das ist nicht witzig.“
„Ich hab keinen Witz gemacht.“
Stille. Nur das Knistern des Feuers. Draußen der Sturm.
In diesem Moment wurde ihr klar, wie verletzlich sie war. Keine Assistentin. Keine Fahrer. Kein Geld, das irgendetwas regelte. Nur sie. Und dieser Mann. Und die Nacht.
Doch dann klopfte es plötzlich an der Tür.
Jonas runzelte die Stirn.
Und Amelia begriff:
Die größte Gefahr war vielleicht nie er gewesen.
