Es war ein drückend heißer Mittwochnachmittag im August in Riverside, einer Kleinstadt im Osten von Texas. Die Hitze lag wie eine unsichtbare, schwere Decke über der Stadt. Der Asphalt der Straßen flimmerte in der Sonne, und die Luft stand still. In dem kleinen, schlichten Apartment im zweiten Stock der Creekside Apartments war es eng und stickig warm. Es war genau so, wie man es sich in einem billigen Zweizimmerapartment vorstellt, das sich zwei sehr junge Menschen und ein Baby teilen müssen, wenn das Geld für die Klimaanlage oft nicht reicht.
Von außen war absolut nichts Ungewöhnliches zu sehen. Die verputzte Fassade blätterte an einigen Stellen ab, ein paar verrostete Fahrräder lehnten an der Wand. Von außen sah es aus wie ein ganz normaler Wohnkomplex überall im Land.
Tyler Marsh war 19 Jahre alt. Er hatte dunkle, meist unordentlich geschnittene kurze Haare, trug an den meisten Tagen verwaschene Kapuzenpullis, selbst wenn es warm war. Er hatte das typische, unscheinbare Aussehen eines Jungen, dem man auf der Straße begegnet und den man sofort wieder vergisst. Ein Junge, dem man schlichtweg nichts Böses zutraute, weil er noch so jung wirkte und weil die Begriffe „jung“ und „böse“ in den Köpfen der meisten Menschen nicht zusammenpassten. Jedenfalls war das genau das, was die Nachbarschaft über ihn dachte, wenn sie ihn beim Müllrausbringen sahen.
Er arbeitete halbtags, oft lustlos, an der Kasse in einem großen Supermarkt an der Hauptstraße. Nach seiner Schicht spielte er exzessiv Videospiele auf seiner Konsole im Wohnzimmer, und er war Vater. Das Letztere, das Vatersein, war die Rolle in seinem Leben, die er am allerwenigsten verarbeitet, geschweige denn angenommen hatte.
Kayla Brooks war gerade 20 geworden. Sie war Tylers Freundin und die junge Mutter ihres gemeinsamen Babys. Sie arbeitete hart in einem kleinen, nach Aceton riechenden Nagelstudio, das nur drei Straßen weiter lag. Sechs Stunden täglich, oft an sechs Tagen die Woche, feilte und lackierte sie Nägel. Sie tat das, weil irgendjemand in dieser kleinen Familie verlässlich Geld verdienen musste, um die Miete und die Windeln zu bezahlen. Tyler hingegen brach gut die Hälfte seiner eingeteilten Schichten im Supermarkt einfach ab oder trat sie, ohne Bescheid zu sagen, gar nicht erst an.
Kayla liebte Tyler. Jedenfalls hatte sie das ehrlich getan, bevor das Baby da war. Damals, als alles noch unkompliziert schien. Danach war die Liebe schleichend zu einer drückenden Gewohnheit geworden. Einer Gewohnheit, die sie noch nicht losgelassen hatte, weil das Baby nun einmal da war und weil sie schlichtweg nicht wusste, wohin sie sonst hätte gehen sollen mit einem Kind auf dem Arm.
Das Baby hieß Mason. Er war erst sieben Monate alt, ein winziges Wesen. Er hatte Tylers dunkle Augen und Kaylas kleine Stupsnase geerbt. Und er hatte ein Lachen, ein helles, klares Lachen, das so unvermittelt und überraschend kam, dass man jedes Mal unwillkürlich mitlachen musste.
„Mason ist ein wirklich ruhiges Baby“, das sagte Kayla oft, wenn ältere Frauen im Supermarkt oder Nachbarn im Treppenhaus fragten, wie es mit dem Kind laufe.
„Mason, sei ruhig und pflegeleicht“, fügte sie dann oft an.
