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„MÜSSEN UNS VERÄNDERN, IN ERSTER LINIE DU“: MERZ IM KREUZFEUER AUS DEN EIGENEN REIHEN
Stand: 23.09.2026, 16:05 Uhr
Von: Jens Kiffmeier
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Uns auf Google folgen Die Wahldebakel stürzen Kanzler Merz in eine tiefe Krise. In der CDU wächst der Widerstand. 55 Prozent der Deutschen fordern in einer Umfrage seinen Rücktritt.
Berlin – Trotz eines versuchten Machtwortes ist die Kanzler-Revolte noch nicht im Keim erstickt: Zwei Tage nach dem Wahldebakel in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geht das Grummeln in der Union gegen Friedrich Merz ( CDU ) weiter. So griff der frühere Fraktionschef Ralph Brinkhaus den Regierungschef in einer vertraulichen Sitzung frontal an. „Wir alle müssen uns verändern und in erster Linie du“, sagte Brinkhaus und fuhr demnach fort: „Von Adenauer bis Laschet haben CDU -Vorsitzende immer das Land zusammengehalten. Das ist jetzt anders.“
Immer mehr Abgeordnete wenden sich von ihm ab: Kanzler Friedrich Merz (CDU) steht unter Druck. © Kay Nietfeld/dpaWie der Spiegel berichtet, soll Brinkhaus für seinen Redebeitrag viel Applaus erhalten haben. Zuvor waren in der Partei bereits direkte Rücktrittsforderungen an Merz laut geworden. Während eine Mehrheit der Deutschen laut einer aktuellen Umfrage ebenfalls das Vertrauen in die Führungsstärke des Kanzlers verloren hat, bemüht sich die Regierungskoalition aber weiterhin um Geschlossenheit. Doch wird das für den Regierungschef reichen?
BRINKHAUS KRITISIERT KANZLER: WARUM STEHT FRIEDRICH MERZ UNTER DRUCK?
Seit einigen Wochen steht Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unter massivem Druck, auch in den eigenen Reihen. Nachdem die Union am vergangenen Sonntag bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin historisch schlechte Ergebnisse eingefahren hatte, entlud sich die bislang hinter vorgehaltener Hand vorgetragene Unzufriedenheit in direkten Rücktrittsforderungen. Zu den schärfsten Kritikern zählte CDU-Ex-Generalsekretär Mario Czaja, der im Fernsehsender Welt den sofortigen Rücktritt des Kanzlers gefordert hatte. „Es ist an der Zeit, dass er den Platz frei macht. Es funktioniert nicht mehr mit ihm. Ihm noch Zeit zu geben, macht gar keinen Sinn“, sagte Czaja.
Die Vorwürfe an den Kanzler wiegen schwer. In der Fraktionssitzung machte Brinkhaus deutlich, dass die Politik der Union weder bei den Menschen noch bei den Unternehmen ankomme. Die Partei habe ihren Markenkern verloren – das Verbindende, das Zusammenhaltende. „Wir müssen unsere Politik ändern. Wir haben ein Glaubwürdigkeitsdefizit, ein Zukunftsdefizit“, sagte Brinkhaus. Die CDU könne nicht alles auf Krisen oder andere Parteien schieben. Mit einem weiteren Appell, der erkennbar auf den Kanzler gemünzt war, schloss er: „Jeder muss sich fragen, ob und wie er diesem Land und dieser Partei noch helfen kann.“
Dass die Sitzung für ihn ungemütlich werden könnte, dürfte Merz geahnt haben. Eigentlich hätte er am Dienstag für eine Rede bei den Vereinten Nationen nach New York fliegen sollen. Doch die Reise hatte der Kanzler im Vorfeld abgesagt, um an der Fraktionssitzung seiner Partei teilnehmen zu können. Zu viel Frust hatte sich zuletzt aufgestaut. Zwar hat die Merz-Regierung in den vergangenen Monaten bei der Rente , der Gesundheit und der Pflege große Reformprojekte aufgelegt, doch in der Bevölkerung dringt die Koalition damit nicht wirklich durch. Die angestrebten Veränderungen werden vor allem als Zumutungen wahrgenommen.
WELCHE REFORMEN PLANT DIE MERZ-REGIERUNG?
Die Bundesregierung hat in den vergangenen Monaten ein umfangreiches Reformpaket auf den Weg gebracht. Bei der Rente sollen die 33 Empfehlungen der Alterssicherungskommission noch bis Ende 2026 im Bundestag verabschiedet werden. Geplant sind unter anderem ein neuer Kapitalfonds nach schwedischem Vorbild, die Wiedereinführung des Nachhaltigkeitsfaktors ab 2031 sowie die Ausweitung der Rentenversicherungspflicht auf Selbstständige und Politiker. Im Gesundheitsbereich wurde die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung bereits verabschiedet. Zudem soll die Telefonkrankschreibung abgeschafft werden – Patienten müssen künftig wieder persönlich beim Arzt erscheinen. Bei der Pflege stehen konkrete Gesetzentwürfe noch aus; das Thema ist Teil eines größeren Sozialreformpakets, über dessen Ausgestaltung Union und SPD derzeit noch verhandeln.
KLARE KANTE GEGEN KRITIKER: MERZ WILL BEI REFORMEN KURS HALTEN
Mitunter sorgt der Kanzler laut seinen Kritikern auch selbst dafür, dass die Debatten über die Effekte der Reform durch ungeschickte Aussagen des Kanzlers überlagert werden. Der Regierungschef lasse sich zu häufig auf das Feld der Kulturdebatten ziehen, statt einfach seine wirtschaftspolitischen Reformen zu erklären, kritisierte unlängst auch der Frankfurter Politologe Thomas Biebricher im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau . Für die AfD, die der Union bei den vergangenen Wahlen einen Großteil der Wählerinnen und Wähler streitig macht, sei dies eine dankbare Steilvorlage. Dass diese Kritik längst auch innerhalb der eigenen Partei angekommen ist, zeigte sich in der Fraktionssitzung vom Dienstag deutlich.
In der Union sehen das immer mehr Politikerinnen und Politiker offenbar ähnlich. Das spürt offenbar auch der Kanzler. Zuletzt zeigte sich Merz in Ansätzen selbstkritisch. „Ich habe meinen Anteil an den Wahlergebnissen“, wird der Kanzler von Teilnehmern aus der Fraktionssitzung zitiert. Ähnlich hatte er sich zuvor auch schon in eilig einberufenen Pressekonferenzen geäußert. Dennoch will er nicht grundsätzlich an seinem Kurs etwas ändern. Wie bereits unmittelbar nach Schließen der Wahllokale am Sonntagabend machte er zugleich klar, dass er den eingeschlagenen Reformkurs nicht aufgeben will.
Denn angesichts der schlechten Wahlergebnisse stehen mittlerweile auch die bereits beschlossenen Reformen bei vielen Koalitionären auf dem Prüfstand. Der Vorschlag der Rentenkommission müsse umgesetzt werden, bekräftigte Merz. Doch in der Koalition ist darüber ein Streit entbrannt: Die SPD stellt Teile der Reformen infrage, auch Ministerpräsidenten aus den eigenen Reihen fordern eine stärkere Entlastung der Bürger. Demgegenüber mehren sich in den Reihen der Union die Stimmen, die ein stärkeres konservatives Profil und weniger Kompromisse mit den Sozialdemokraten fordern.
TRITT FRIEDRICH MERZ ZURÜCK? DAS SAGEN DIE AKTUELLEN UMFRAGEN
Doch kann der Kanzler mit seiner Koalition den Kurs wirklich halten? Der Druck aus der Bevölkerung ist jedenfalls kaum zu ignorieren. Laut dem aktuellen Forsa-Trendbarometer für RTL und ntv sprechen sich 55 Prozent der Deutschen dafür aus, dass Merz von seinem Amt zurücktritt. Besonders bitter für den Kanzler: Selbst unter den Anhängern der Union will mehr als ein Fünftel – 21 Prozent – lieber einen anderen Regierungschef sehen. Als zentralen Grund für die Wahlpleiten nennen 81 Prozent der Befragten, dass „die Union sich insgesamt zu wenig um die Alltagssorgen der Bürger kümmert“.
Noch ist unklar, wer sich am Ende durchsetzt – die Merz-Befürworter oder die Kanzler-Kritiker. Noch bemühen sich auch weiterhin Koalitionspolitiker um Geschlossenheit. So mahnte der Hamburger CDU-Abgeordnete Christoph Ploß davor, dass man sich jetzt nicht verrückt machen lassen dürfte. „Wir sind keine Umfragenroboter“, sagte er laut dem Spiegel. Und auch Fraktionschef Thorsten Frei stellte sich nach der Sitzung klar hinter den Kanzler . Es sei nun die Aufgabe der Unionsfraktion, „Stabilität in die Koalition zu bringen“, sagte Frei in den tagesthemen. Die neue Fraktionsmanagerin Catarina dos Santos-Wintz hatte noch am Morgen betont, Merz habe die „volle Rückendeckung der Unionsfraktion“. (Quellen: Spiegel, Welt, Tagesschau, dpa, RTL, ntv) (jenko)
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