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„Sie rettete eine Krähe, die sonst niemand angerührt hätte. Drei Winter später fand sie eine Goldmünze vor ihrer Haustür. Dann noch eine. Und noch eine. Die Krähe ließ sie niemals dabei beobachten, wie er sie dort hinterließ.“10 min read

„Sie rettete eine Krähe, die sonst niemand angerührt hätte. Drei Winter später fand sie eine Goldmünze vor ihrer Haustür. Dann noch eine. Und noch eine. Die Krähe ließ sie niemals dabei beobachten, wie er sie dort hinterließ.“
Im Winter des Jahres 1843, in dem Dorf Schwarzbach – eingebettet am Fuße des Thüringer Waldes in Mitteldeutschland –, setzte der Frost früh ein und hielt lange an. Schon im November war der Fluss fest zugefroren. In der Mühle wurde das Brot rationiert. Die Kiefern entlang des östlichen Höhenrückens knackten nachts wie Gewehrschüsse, und die alten Männer sagten, es sei der kälteste Winter seit vierzig Jahren.

Marta Kellner war in jenem Winter einundfünfzig Jahre alt. Eine Witwe. Ihr Mann, ein Schmied, war drei Jahre zuvor an einer Lungenentzündung gestorben und hatte ihr das Häuschen, einen kleinen Garten und sonst kaum etwas hinterlassen. Um zu überleben, nahm sie Flick- und Waschaufträge an. Sie war keine Frau, die irgendjemand als „warmherzig“ beschrieben hätte. Sie war präzise. Sparsam. Sie verschwendete weder Worte noch Brennholz – und auch keine Freundlichkeit.

Anfang Dezember jenes Jahres fand sie eine Krähe im Schnee, direkt neben ihrem Gartentor.

Er war groß – die größte Krähe, die sie je gesehen hatte – und völlig regungslos. Sein rechter Flügel war in einem unnatürlichen Winkel verbogen und lag flach auf dem Schnee ausgebreitet. Seine Augen waren geöffnet, doch vom Frost bereits glasig getrübt. Er musste schon so lange dort gelegen haben, dass der Schnee seine Füße bereits teilweise zugeweht hatte. Die Kinder des Dorfes waren schon zweimal an ihm vorbeigekommen. Eines von ihnen hatte einen Stein nach ihm geworfen.
Marta verharrte einen Augenblick lang am Gartentor. Sie trug einen Korb voller zusammengelegter Wäsche bei sich, die sie der Frau des Müllers zurückbringen wollte. Sie war bereits spät dran.
Sie stellte den Korb ab. Sie ging ins Haus und kehrte mit einem Streifen abgewetzter Leinenbinde und einem kleinen Stück getrockneten Brotes zurück. Sie verband den Flügel – nicht perfekt, sie war schließlich keine Ärztin – und bettete die Krähe in den Holzstoß unter dem Dachüberstand ihres Häuschens; dort war es trocken und windgeschützt. Sie legte das Brot neben das Tier und machte sich dann wieder auf den Weg, um die Wäsche abzuliefern.

Ihre Nachbarin – eine ältere Frau namens Frau Bauer – beobachtete das Geschehen von ihrem Fenster aus und sagte an jenem Abend zu ihrer Tochter: „Die Kellner-Witwe pflegt da eine Krähe gesund. Das wird ihr Unglück bringen. Krähen sind Vorboten.“ Marta glaubte nicht an Omen. Sie glaubte an den Winter, und sie glaubte, dass die Krähe ohne Futter sterben würde; also fütterte sie sie.

Drei Wochen lang legte sie Essensreste neben den Holzstoß. Harte Brotkrusten. Gesalzene Schweineschwarte. Einmal die Knochen eines Eintopfs. Die Krähe fraß alles. Ihr Flügel, unter dem Leinen geschient, blieb unbeholfen angewinkelt, doch der starre, glasige Blick wich aus ihren Augen. Schon in der zweiten Woche sah sie ihr beim Herannahen zu, ohne zusammenzucken. In der dritten kam sie ihr entgegen, sobald sie erschien.

Sie gab ihr keinen Namen. Sie nannte sie einfach „den Vogel“.
Anfang Januar war der Flügel so weit verheilt, dass die Krähe wieder auf einer Stange sitzen konnte – wenngleich sie noch einen weiteren Monat lang schief und tief flog. Sie ging nicht fort. Sie suchte ihr Nachtlager in der Eiche am Rande des Gartens und kam jeden Morgen zum Fensterbrett; dort klopfte sie mit d

Als der Frühling kam, flog sie wieder sicher. Marta erwartete, dass sie nun fortziehen würde.
Doch sie ging nicht.
Im Sommer des Jahres 1844 war die Krähe zu einem festen Bestandteil des kleinen Hauses geworden. Sie folgte Marta zum Markt und wieder zurück. Sie saß auf dem Torpfosten, während Marta im Garten arbeitete. Sie zeigte keinerlei Zuneigung in einer Form, die Marta als solche verstanden hätte – sie ließ sich nicht berühren, schmiegte sich nicht an und putzte sich auch nicht in ihrer Nähe. Doch sie blieb stets in Sichtweite. Und sie beobachtete alles.

Im September des Jahres 1844 tauchte eine Eule auf.
Eine Bartkauz, der aufgrund einer schlechten Mäuseernte in den Bergwäldern nach Süden getrieben worden war, hatte begonnen, in der Dämmerung in den Dorfgärten auf die Jagd zu gehen. Er hatte bereits zwei Tauben des Bäckers und eine der Hennen des Müllers geschlagen. Er war riesig – fast zwei Fuß hoch, mit einer Flügelspannweite, die das Licht verdunkelte, wenn er am Abend über den Garten hinwegflog.
Die Krähe floh nicht, als der Kauz herankam. Marta beobachtete vom Küchenfenster aus, wie der Kauz von der Dachkante herab in Richtung Garten stieß und die Krähe – ihre Krähe, jene Krähe mit dem gebrochenen Flügel, die sie den ganzen Winter über gefüttert hatte – sich von der Eiche löste und den Kauz mitten im Flug mit beiden Füßen traf. Gemeinsam stürzten sie ins Gras. Der Kauz war größer. Der Kauz besaß Fänge, die zum Töten geschaffen waren.
Marta rannte mit einer Gartenharke hinaus und vertrieb den Kauz. Drei Hiebe waren nötig. Der Kauz zog ab. Die Krähe lag am Boden; ein Flügel stand wieder falsch ab – derselbe Flügel –, und sie keuchte im Gras.

Sie verband ihn erneut. Dasselbe Leinentuch. Derselbe Holzstoß.
Sie saß in jener Nacht lange Zeit an seiner Seite – etwas, das man sonst nicht von ihr kannte. Als Frau Bauers Tochter sie später fragte, warum sie dem Kauz entgegen in den Garten gestürmt sei, antwortete Marta, sie wisse es nicht. Es habe sich, so sagte sie, nicht wie eine Entscheidung angefühlt.
Die Krähe genas erneut. Diesmal langsamer. Doch sie genas.
Die erste Münze tauchte im Winter des Jahres 1845 auf.

Marta fand sie an einem Dienstagmorgen auf der Haustreppe, halb vergraben unter einer leichten Schneeschicht. Ein goldener preußischer Friedrichsdor – Jahrzehnte zuvor geprägt und an den Rändern glatt abgewetzt. Es war die Art von Münze, die ein Knecht nicht einmal mit seinem gesamten Jahreslohn zu Gesicht bekäme. Sie drehte sie zweimal in der Hand um, blickte die leere Gasse hinauf und hinunter und ging dann ins Haus.
Sie nahm an, jemand müsse sie verloren haben. Auf dem Markt erkundigte sie sich nach dem Besitzer. Doch niemand meldete sich.

Sechs Wochen später folgte eine zweite Münze. Diese war anders – älter, kleiner, fremdländisch. Ein goldener französischer Louis aus dem vorigen Jahrhundert, mit dem Profil eines längst verstorbenen Königs. Sie lag genau in der Mitte der Fußmatte – exakt zentriert, als wäre sie dort absichtlich platziert worden. Martas Nachbarin, Frau Bauer, sah, wie sie es fand, und rief vom Zaun herüber: „Woher kommen die?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Marta.

Sie schlief in jener Nacht schlecht. Sie erwachte noch vor der Morgendämmerung, trat ans Küchenfenster und blickte hinaus in den dunklen Garten. Die Krähe saß in der Eiche. Sie saß immer in der Eiche. Sie drehte den Kopf, als die Frau am Fenster erschien – jener seitliche Vogelblick, der jeweils nur ein Auge nutzt –, und die Frau stand lange dort und beobachtete sie.

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